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Europas Abhängigkeit von russischem Gas

Während der Gasbedarf in der EU steigt, geht deren eigene Förderung drastisch zurück. Nur Russland kann die Lücke schließen – mit allen Konsequenzen. Experten sind alarmiert: Sie fürchten um die Versorgungssicherheit.

Wer wissen möchte, wie der Stand in der europäischen Gasförderung ist, sollte seinen Blick nach Groningen richten. Hier, wo Hollands Nordosten an die Nordsee grenzt, wurde 1963 das europaweit größte und weltweit zehntgrößte Gasfeld in Betrieb genommen. Hier, eingezwängt zwischen Friesland und Niedersachsen, wurde 2013 noch das Rekordvolumen von 53,8 Milliarden Kubikmeter aus 3000 Meter Tiefe geholt. Und hier, wo Hollands Wohlstand seinen Anfang genommen hatte, wurden im Vorjahr nur noch etwa 20 Milliarden Kubikmeter gefördert.

Seit 2014 schon nimmt die dortige Gasförderung rapide ab. 2017 war der große Erdgasexporteur Holland dann erstmals zum Nettoimporteur geworden. Die Häuser in der Gegend von Groningen nämlich hatten im Laufe der Jahre Risse bekommen, der Boden senkte sich merklich, leichte Erdbeben häuften sich. Am 8. Januar des Vorjahres folgte dann ein Erdstoß der Stärke 3,4. Die Verbindung zur Erdgasförderung war nicht mehr zu leugnen. Und so erklärte die Regierung Ende März, die Förderung aus Groningen weiter zurückzufahren und bis 2030 schließlich ganz stillzulegen.

Der Fall Groningen ist nicht nur für sich genommen dramatisch – die Auswirkungen betreffen ganz Europa. Schließlich steht selbst noch die jetzige Förderung von Groningen für ein Sechstel der gesamten Gasproduktion innerhalb der EU, die 2017 um weitere drei Prozent auf lediglich noch 128 Milliarden Kubikmeter fiel. Zwar werden hier wie dort neue Lagerstätten – etwa in Rumänien oder Dänemark – in Betrieb genommen. Der Rückgang der EU-Gasproduktion ist dennoch nicht aufzuhalten, zumal auch Großbritannien immer weniger aus dem Boden holt.

Dabei benötigt die EU immer mehr Gas. Zwar hatten die Europäer nach dem Höchstverbrauch im Jahr 2010 krisenbedingt für einige Jahre weniger von dem wertvollen Rohstoff konsumiert. Seit 2014 aber steigt die Nachfrage aufgrund der wirtschaftlichen Erholung, des vermehrten Einsatzes von Gaskraftwerken und Deutschlands Ausstieg aus der Kohle wieder rasant an. 2017 erreichte sie 491 Milliarden Kubikmeter, wie dem Gasmarktbericht der EU-Kommission zu entnehmen ist. Der Wert liegt um sechs Prozent über dem von 2016 und kommt den Regionen aus dem Jahr 2010 wieder näher.

Die Lücke zwischen Eigenproduktion und Bedarf ist also nicht nur chronisch groß. Sie wird de facto immer größer. „Tatsächlich steht die Frage im Raum, wie die EU weiterhin ihren Bedarf decken soll“, erklärt Frank Umbach, Forschungsdirektor des European Centre for Energy and Resource Security (EUCERS) am King’s College in London, im Gespräch mit WELT.

Der Eigenbedarf dürfte weiter zunehmen

Die Frage ist nicht allein durch die rückläufige Eigenförderung virulent geworden. Sie drängt auch deshalb, weil – trotz künftig einiger neuer Kleinvolumina aus Aserbaidschan – wichtige Lieferanten von außen die Situation nicht nur nicht retten können, sondern teils sogar verschärfen.

Dazu zählt etwa mit Algerien auch Europas drittgrößte Gasquelle. Der Maghreb-Staat kam dem erhöhten EU-Bedarf in den vergangenen Jahren zwar immer nach und exportiert derzeit auf einem Mehrjahreshoch. Aber trotz der Zusicherung, die Exporte jahrelang hoch zu halten, mehren sich Regierungsstimmen, dass der Eigenbedarf zunimmt und die Ausfuhren schon in ein paar Jahren beschränken könnte.

Auch Norwegen, zweitgrößter Lieferant der EU, hat in der Ausweitung seiner Exportmöglichkeiten nicht unendlich Luft nach oben. Die Ausfuhren, die inzwischen Allzeitrekorde von knapp 120 Milliarden Kubikmeter darstellen, könnten bis 2022 auf gerade mal 121,4 Milliarden Kubikmeter erhöht werden, heißt es in der neuen Prognose der staatlichen Behörde Norwegian Petroleum Directorate. Und das trotz der Tatsache, dass das Land, das etwa ein Drittel des EU-Gasimports deckt, nicht nur auf Hochtouren fördert, sondern auch maximal verwertet, um die älteren versiegenden Lagerstätten zu kompensieren.

Die europäische Gaswirtschaft schlägt längst Alarm, weil ihres Erachtens die Versorgung nicht gesichert ist. Gasexperte Umbach wischt ihre Bedenken nicht gänzlich vom Tisch, mahnt jedoch zur Nüchternheit: „Die Angst um die Versorgungssicherheit hat mit der Unsicherheit zu tun, wie stark der Bedarf und damit der Importbedarf steigen. Und hier divergieren die Annahmen sehr.“

In der Tat ist es eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Die größte davon ist, wie sich neben der Etablierung der E-Mobilität und der von der EU vorgeschriebenen Effizienzsteigerung im Energieverbrauch der Ausstieg Deutschlands aus der Kohle gestaltet.

Erdgas wird wegen des Kohleausstiegs wichtiger werden

Faktum ist, dass in Deutschland – das immerhin Europas größter Gasverbraucher ist – angesichts des geplanten Kohleausstiegs in den kommenden Jahrzehnten Erdgas eine größere Rolle spielen werde, wie Kanzlerin Angela Merkel am Mittwoch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos sagte: „Wenn wir aus der Kohle aussteigen, wenn wir aus der Kernenergie aussteigen, dann müssen wir den Menschen ehrlich sagen, werden wir mehr Erdgas brauchen.“ Das werde weiterhin aus Russland kommen, möglicherweise auch als Flüssiggas aus den USA und anderen Ländern.

Merkel hat damit absichtlich oder unabsichtlich angedeutet, wo Streit und Wettbewerb in den kommenden Jahren stattfinden werden. Wird Russland, Europas weitaus größter Lieferant, seine Exporte über Pipelines steigern, womit Gazprom fest rechnet, wogegen sich aber die USA und auch die EU aus Angst vor einer zu großen Abhängigkeit wehren? Oder werden Lieferanten des auf minus 161 Grad abgekühlten und damit verflüssigten Gases (LNG) auf dem Seeweg das große Geschäft in Europa machen?

Es geht um viel. 2017 hat die EU laut Gasmarktbericht 360 Milliarden Kubikmeter importiert – etwa zehn Prozent mehr als 2016. Der Gipfel dürfte 2025 bei 409 Milliarden Kubikmeter erreicht sein, schätzen die Analysten der Internationalen Energieagentur (IEA).

Der russische Gasriese Gazprom, der seit drei Jahren einen Exportrekord um den anderen aufstellt und zuletzt bereits 43 Prozent des EU-Gasimports deckte, steht in den Startlöchern und forciert den Ausbau der Ostseepipeline Nord Stream, um ein noch größeres Stück vom Kuchen zu bekommen. An den Ressourcen fehlt es nicht – gerade in den vergangenen Jahren wurde auf der Polarhalbinsel Jamal das nächste Gasdorado für Jahrzehnte erschlossen. Die gesamte Situation in Europa spiele Gazprom in die Hände, meint Dmitri Marintschenko, Analyst bei Fitch, gegenüber der russischen Zeitung „Wedomosti“.

Schon in den vergangenen Jahren profitierte Gazprom davon, dass sein Gas billiger ist als Flüssiggas, das auf dem Weltmarkt immer mehr an Bedeutung gewinnt. Auch Europa hatte sich mit dem Bau von LNG-Terminals im vergangenen Jahrzehnt dafür gerüstet, zunehmend verflüssigtes Gas auf Schiffen aus aller Welt zu importieren. Allein dadurch, dass der Bedarf in Asien so hoch ist, stieg der Preis – und die Europäer kauften wieder lieber billig in Russland ein.

Unbekannte in der Rechnung

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt wird von den 245 Milliarden Kubikmetern an LNG-Terminalkapazitäten höchstens ein Viertel genutzt. Das könnte sich freilich ändern: Wenn Chinas Wirtschaft abkühlt und wenn dieses Jahr Australien und die USA ihre LNG-Exporte steigern, dürfte das den Preis für Flüssiggas drücken, meint Umbach.

Aber auch hier gibt es einige Unbekannten in der Rechnung. So sagen die Analysten der Citigroup ein jährliches Nachfragewachstum von 13 Prozent in China bis 2021 voraus. Eben erst hat China alle Beobachter damit überrascht, dass es im Vorjahr den Gasimport um 31,8 Prozent gesteigert hat. Bis 2023 werde sich der chinesische Gasimport verdoppeln, bis 2040 der Bedarf verdreifachen, schätzt die IEA.

Gazprom und LNG – sie beide werden also um den europäischen Gasmarkt wetteifern. Und nach menschlichem Ermessen werden beide zum Zug kommen. Zumindest „bis 2030 könnte der Import aus Russland steigen“, so Umbach, doch: „Langfristig nicht, denn da spielt die EU-Klimapolitik auch gegen konventionelles Gas – zugunsten von Biogas und synthetischem Rohstoff.“

Nicht zufällig setzen die Russen deshalb parallel auch auf China als Abnehmer. Der Gazprom-Konkurrent Novatek beliefert das Reich der Mitte bereits. Gazprom selbst wird dieses Jahr in den Markt eintreten.

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